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Die Tränen der Einhörner - Teil I

Die Versuchung

Miriel wich seinem Blick aus und sah stattdessen an ihm vorbei nach draußen in den Garten.
„Es wird schlimmer...“, flüsterte sie betrübt. „Ich habe das Gefühl, dass in naher Zukunft etwas Furchtbares passieren wird!“ Sie schüttelte den Kopf um das seltsame, drückende Gefühl in ihrer Brust zu vertreiben und erwiderte dann seinen festen Blick. Tränen glitzerten in ihren Augen.
„Hast du den Wächtern davon erzählt? Vielleicht ist es eine Vorahnung und...“ Miriel unterbrach ihn, indem sie einen Finger auf seine Lippen legte und nickte zögerlich.
„Sie sagten, es gäbe nichts zu befürchten, also glaube ich ihnen und du solltest das auch tun. Sie werden uns beschützen, was auch kommen mag und der Herr wird nicht zulassen, dass Elysion zerstört wird. Wohin sonst sollen die Seelen der Sterblichen denn gehen?“
Sie schritt an ihm vorbei nach draußen und eine tiefe Ruhe breitete sich in ihrem Innern aus, als sie den wundervollen Garten bewunderte und den kleinen See, der zu ihren Füßen lag.
Miriel schritt die steinernen Stufen, die sie hinunter zum See führten, hinab und ließ sich an seinem Ufer niedersinken.
Sie strich mit ihrer Hand über das flache Gras und dachte nach.
Ihr Bruder verhielt sich seltsam, fand sie.
Was ist nur geschehen in der Menschenwelt? Ist sein Schützling gestorben?‘ Miriel schüttelte den Kopf und versuchte diesen Gedanken zu vertreiben.
„Elion hat ihre Seele gerettet...“, entgegnete Caylen auf ihre Gedanken und ließ sich neben ihr nieder. „Sie hat sich das Leben genommen...“
Miriel zuckte zusammen.
„Wie konnte das passieren? Du...“ „Er hat mich zurückgerufen und meinen Auftrag für beendet erklärt. Ich konnte mich ihm nicht widersetzen und doch… ich wünschte, ich hätte es getan. Ich hätte es verhindern können... Ich hätte ihr Leben retten können.“
Traurig strich Miriel über die Wange ihres Bruders.
„Ich hätte dich begleiten sollen...“, murmelte sie schließlich und sah ihn mit glitzernden Augen an, doch Caylen schüttelte bestimmt den Kopf.
„Die Menschenwelt ist nichts für dein reines Herz. Du würdest in ihr zerbrechen und verzweifeln an dem was du siehst... Ich werde nicht zulassen, dass du dorthin gehen musst, niemals! Ich will nicht, dass du leidest, liebe Schwester... du bist alles, was ich noch habe... mein ganzer Stolz.“ Er lächelte und eine einzelne Träne rann seine Wange hinab.
Miriel sah ihn an.
Er hatte sich wirklich verändert. Sein aufgeschlossenes, freundliches Herz war erstarrt und von Kummer ertränkt. Auch wenn er es nicht zeigen konnte, so konnte sie seinen Schmerz doch fühlen und selbst die Dunkelheit, die nach ihm zu greifen schien, konnte sie sehen.
„Sie hat dir mehr bedeutet als all deine Schützlinge zuvor, nicht wahr? Hast du dich in sie verliebt?“
Caylen schwieg eine Zeit lang, ehe er sie schließlich bat, ihn nicht weiter mit der Vergangenheit zu quälen.